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Rede zum 80. Jahrestag der Ermordung von Hilarius Gilges

Liebe Freundinnen und Freunde,
seit 2003 ist dieser kleine Platz, an dem wir gerade stehen, nach Hilarius Gilges benannt – und auf den ersten Blick ist das ja auch Anlass zur Freude. Einem kommunistischen, antifaschistischen Düsseldorfer Aktivisten wird mitten in der Altstadt gedacht, er wird geehrt.
Doch schon der Erläuterungstext am Straßenschild lässt aufhorchen: „Erstes Todesopfer der NS-Zeit in Düsseldorf“. Kein Wort zu seinem Leben, kein Wort zu seinem politischen Wirken, sondern lediglich der Verwies darauf, dass er das „erste“ Todesopfer der Nazis gewesen sei. Düsseldorf mag eben Rankings und Rekorde.
Mit diesem Text entzieht sich die Stadt auch der Verpflichtung, den antifaschistischen, kommunistischen Widerstand in Düsseldorf zu würdigen und Aktivisten und Aktivistinnen eben nicht nur als „Opfer“ darzustellen. Wir gedenken heute der Ermordung von Hilarius Gilges, aber wir ehren ihn eben zugleich für das, was er getan und gelebt hat. Und eine Platzbenennung hätte er eben auch verdient, wenn er den Faschismus überlebt hätte.

Doch mit den Kommunisten und Kommunistinnen, die im Widerstand waren und diesen überlebt hatten, ging die Landeshauptstadt anders um. Der Düsseldorfer Künstler Hanns Kralik saß im KZ Börgemoor, war später in Frankreich in der Resistance aktiv und als begnadeter Grafiker in der Lage, Pässe für Widerstandskämpferinnen und -kämpfer zu fälschen. Nach dem Krieg wurde er Kulturdezernent in Düsseldorf – und dann schändlich durch einen Erlass der Adenauer-Regierung aus dem Amt gejagt. Der Ärztin Dr. Doris Maase, die im KZ Ravenbrück einsaß und dort mit geschmuggelten Medikamenten und gefälschten Krankenbescheinigungen Mithäftlingen half und dem Resistance-Kämpfer Walter Brix wurden 1956 ihre bei demokratischen Wahlen errungenen Mandate als Düsseldorfer Mitglieder des Rates schlichtweg aberkannt. Dr. Doris Maase kam in Haft, weil sie es wagte, sich anschließend als unabhängige Kandidatin um ein Landtagsmandat zu bewerben. Von ihr, Doris Maase, wurden zudem, weil sie in der KPD war, sämtliche Entschädigungs- und Wiedergutmachungsleistungen zurückgefordert, die sie für ihre KZ-Haft in Ravensbrück erhalten hatte. Und Maria Wachter, die zusammen mit Hilarius Gilges bei Nordwest-Ran aktiv und dann im illegalen Widerstand war, wurde nicht nur 1943 im Düsseldorfer Polizeipräsidium inhaftiert, sondern auch 1958 wieder.
Ihr wurde illegale Betätigung für die KPD vorgeworfen, 1943 ebenso wie 1958. Die Akten aus der NS-Zeit lagen 1958 in der Gerichtsverhandlung auf dem Tisch des Staatsanwaltes – man könne ja daran die Kontinuität ihres Handelns erkennen.
Offiziell geehrt werden Hanns Kralik, Maria Wachter, Walter Brix, Doris Maase und all die anderen bis heute nicht. Von uns schon. Bei Hilarius Gilges ist das für die Stadt leichter. Ihn können sie auf die Opferrolle reduzieren und müssen sich die unbequemen Fragen zum Umgang mit Kommunisten und Kommunistinnen nach 1945 nicht stellen lassen.
Und auf einen anderen Aspekt möchte ich hinweisen. Ist es überhaupt eine Ehre, wenn man in Düsseldorf mit einem Platz oder einer Straße geehrt wird? Was ist für eine Gedenkkultur in Düsseldorf und mit was für Leuten wird Hilarius Gilges da eigentlich auf eine Stufe gestellt?
Am Rhein gibt es nach wie vor das Robert-Lehr-Ufer. Robert Lehr war der Düsseldorfer Oberbürgermeister, der 1932 Adolf Hitler im Düsseldorfer Industrieclub begrüßt und empfangen hat, während Hilarius Gilges und Maria Wachter vor der Tür mit Nordwest-Ran gegen den Hitler-Auftritt demonstrierten.
Lehr gehörte zu den Türöffnern für Hitler und erklärte im Deutschen Bundestag auf einen entsprechenden Vorwurf des Düsseldorfer KPD-Abgeordneten Fritz Rische noch in den 50er Jahren, ja, er würde es wieder so tun.
Der Platz am Polizeipräsidium ist nach wie vor Jürgensplatz benannt. Franz Jürgens war ab Oktober 1944 Leiter der Schutzpolizei in Düsseldorf. Zuvor war er Kommandeur der staatlichen Polizeiverwaltung in Darmstadt. 1942 stellte er dort Schutzpolizei zur Unterstützung der Gestapo bei der Deportation der hessischen Juden ab. Im Kommandobefehl Nummer 62 vom 4. November 1942 der Darmstädter Schutzpolizei hieß es unter Punkt 4 lapidar: "Der Leiter der Geheimen Staatspolizeistelle Darmstadt übermittelte mir für die erwiesene Unterstützung bei der Durchführung der Judenevakuierung seinen Dank. Für den vollen Einsatz spreche ich allen beteiligten Offizieren, Unterführern und Männern meine Anerkennung aus". Unterzeichnet war dieser Befehl von Franz Jürgens. In Düsseldorf erhielt er dann nach der Befreiung vom Faschismus eine Platzbenennung und ein Ehrengrab dafür, dass er im April 1945 zu der Einsicht gelangte, dass es die Stadt kampflos den Alliierten zu übergeben.
In Bilk gibt es eine Wissmannstraße und in Urdenbach Straßen, die nach Carl Peters, nach Woermann, Leutwein und Lüderitz benannt sind – seit 1937 übrigens. Straßen, mit denen das Lebenswerk von Verbrechern geehrt wird, die Mitverantwortung für die deutschen Kolonialkriege, die Ermordung zehntausende Schwarzafrikaner und die Ausplünderung der dortigen Bevölkerung tragen. Zur Alaskastraße und zur Lindenallee – also zu den in Düsseldorf geehrten Großindustriellen, die Hitler gefördert haben, könnte man auch noch einiges sagen.
Was würde Hilarius Gilges als schwarzer Deutscher, als Antifaschist und Kommunist empfinden, wenn er wüsste, dass er durch diese Platzbenennung auf eine Stufe gestellt wird mit den Türöffnern Hitlers, mit Kolonialverbrechern und mit für die Deportation von Juden Mitverantwortlichen?
Da liegt, liebe Freundinnen und Freunde, also noch ein weiter Weg vor uns, damit in Düsseldorf nicht länger reaktionärste Kräfte für ihr „Lebenswerk“ geehrt werden. Auch daran sollten wir heute erinnern, wenn wir Hilarius Gilges gedenken.

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