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»Wir müssen verhindern, dass diese Leute Einfluss erhalten«

In der schwul-lesbischen Szene kommt es aktuell immer wieder zu rassistischen und vor allem antimuslimischen Hasstiraden. Sind Homosexuelle besonders anfällig für rechte Propaganda?

Nein, nicht anfälliger, es ist nur auffälliger. Viele Linke hängen ja immer noch der Illusion hinterher, dass Schwule aufgrund eigener Diskriminierungserfahrungen fortschrittlicher und unempfänglich für rassistische Propaganda seien. Aber spätestens seit Mitte der 1990er Jahre treten eben auch konservative und rechte Schwule offen als Schwule auf; sie nutzen die von Linken erkämpften Freiräume. In Berlin gibt es das von Schwulen betriebene vermeintliche Anti-Gewalt-Projekt »Maneo«, das immer wieder unhaltbare Statistiken veröffentlicht hat, denen zufolge Schwule vor allem unter der Gewalt von Migranten litten. So wird dann das Bild des durch Migranten bedrohten Schwulen an die Wand gemalt und Rassismus verbreitet. Fakt ist aber, dass die Diskriminierung von Schwulen weiterhin durch staatliche Institutionen und die christlichen Kirchen erfolgt.

Einer der wortgewaltigsten Stimmungsmacher gegen den Islam und die politische Linke ist der Lehrer, Theologe und nunmehr ehemalige Chefredakteur des Homomagazins Männer, David Berger. Wieso konnte er überhaupt zu einem Wortführer der rechten Homoszene avancieren?

Berger hatte vor einiger Zeit sein öffentliches Coming Out, woraufhin er die Erlaubnis verlor, katholische Religion zu unterrichten. Da gab es Solidarisierungen und einen gewissen Bekanntheitsgrad für Herrn Berger. Das vor sich hinsiechende Magazin Männer sah da eine Chance, mit Berger Auflage zu machen.

Was konkret werfen Sie Berger vor?

Berger war theologisch jemand, der den rechten, faschistoiden Teilen der katholischen Kirche nahestand. Seine ideologischen Standpunkte hat er durch sein Coming Out nicht verändert. Das Magazin Männer wurde zur rechten Postille. Mal wurde den Juden erklärt, dass sie an ihrer Verfolgung selbst schuld gewesen seien, weil sie sich nicht genug assimiliert hätten, dann wurde gegen »Queer«-Theorien gehetzt. Antimuslimischer Rassismus war Standard.

Bereits im Herbst 2014 hat die Deutsche AIDS-Hilfe die Reißleine gezogen und, begleitet von einer öffentlichen Erklärung, Anzeigenschaltungen in Männer gestoppt. Nun ist der Verlag zu der Erkenntnis gekommen, dass Berger ihnen mehr schadet als nutzt. Finanziert wurde dessen Arbeit übrigens letztlich vom Land NRW: Als Chefredakteur hatte er nur einen kleinen Honorarvertrag, weil er seine Versorgungsbezüge als ehemaliger Lehrer nicht gefährden wollte. Dieses Konstrukt muss das Landesamt für Besoldung in NRW meines Erachtens noch einmal genau unter die Lupe nehmen.

Die »Causa Berger« ist kein Einzelfall. Der schwule Politiklehrer Daniel Krause wurde vor wenigen Tagen von der Bezirksregierung Arnsberg erneut suspendiert, weil er am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in einer WDR-Sendung geäußert hatte, dass ihn »Auschwitz privat überhaupt nicht« interessiere und ihm »Massentierhaltung emotional näher« gehe ...

Ja, Krause war bereits 2012 suspendiert worden, weil er auf einer Demo der rechten Partei »Pro NRW« aufgetreten war und dort verbreitete, die Freiheit der Schwulen sei durch die Gefahr der Islamisierung bedroht. Die zuständige Bezirksregierung hatte bei der Suspendierung Formfehler begangen und musste ihn dann weiter beschäftigen. Er war nun an einem Weiterbildungskolleg beschäftigt. Berichten zufolge haben sich immer mehr Schüler geweigert, an seinem Unterricht teilzunehmen, weil er auch dort antimuslimische Hetze verbreitet haben soll. Die dortige Schulleitung und NRW-Bildungsministerin Löhrmann frage ich, warum nicht das bereits zu einer Suspendierung geführt hat, sondern erst das gruselige WDR-Gespräch mit Krause.

Vor wenigen Monaten hat sich ein Arbeitskreis »Homosexuelle in der AfD« gegründet. In Köln ist mit Michael Gabel ein schwuler Mann Vorsitzender der rassistischen Splitterpartei »Pro Köln«. Diese Auflistung ließe sich weiter fortsetzen. Was wollen Sie gegen diesen offensichtlichen Rechtsruck der Homoszene unternehmen?

Das ist ja kein Rechtsruck der Homoszene, das sind Leute, die nie in der Bewegung aktiv waren. Wogegen wir vorgehen müssen, ist allerdings, dass diese Leute Einfluss erhalten und zum Bestandteil der »Community« werden. Wirte müssen sich fragen lassen, ob sie schwule Nazis als Gäste haben wollen, und wir sagen weiterhin »Kein Sex mit Nazis«.

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